Die Sozialdemokratie trauert um Inge Wettig-Danielmeier

Inge Wettig-Danielmeier, ehemalige Göttinger Landtags- und Bundestagsabgeordnete und langjährige Schatzmeisterin der SPD, ist am 20. Mai 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben. „Sie schrieb Parteigeschichte“, lobte Dietmar Nietan, SPD-Schatzmeister und Treuhänder der SPD.

Die Göttingerin Inge Wettig-Danielmeier trat 1959 in die SPD ein. Jahrzehntelang war sie Mitglied im SPD-Ortsverein Göttingen-Ost. Über Jahrzehnte hat ihr politisches Wirken nicht nur die SPD verändert. „Sie hat auch als Göttinger Parlamentarierin – vom Kreistag über den Landtag bis zum Bundestag – als Bildungsexpertin und leidenschaftliche Gleichstellungspolitikerin vieles bewegt.

Inge Wettig-Danielmeier kam am 1. Oktober 1936 in Heilbronn zur Welt. An vielen Kabinettstischen der Republik wäre ein Platz für sie gewesen. Sie entschied sich 1991 aber dafür, die Schatzmeisterei der Partei zu übernehmen und hielt in diesem Amt bis 2007 gekonnt die Finanzen, die Partei-Immobilien und die Firmenbeteiligungen zusammen. Wenn’s um Geld ging in der SPD, waren sieben Parteivorsitzende von Björn Engholm bis Kurt Beck auf „Inge“ angewiesen.

Dass sie dieses Amt, bis zu ihrer Wahl eine Männerdomäne, erobern konnte, war ein persönlicher Erfolg. Die in Niedersachsen groß gewordene Politikerin hatte dafür seit Ende der sechziger Jahre gekämpft: Frauen in Partei, Politik und Gesellschaft endlich den Platz zu erobern, der ihnen von der Männergesellschaft in den Anfangsjahrzehnten der Republik immer noch verwehrt wurde.

Eigentlich war dieses Thema für die Bildungspolitikerin im Landtag von Niedersachsen, dem sie von 1972 bis 1990 angehörte, nur ein „Hobby“, wie sie zu ihrem 80. Geburtstag. Aber bald erkannte die Diplom-Sozialwirtin, deren politische Laufbahn im Stadtrat von Göttingen begann, dass der Einsatz für Frauenrechte als Hobby nicht zu gewinnen war. Zwar war die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen“ (ASF) 1972 ein erster Schritt auf diesem Weg, aber eine wie Inge Wettig-Danielmeier war damit nicht zufrieden.

Dem Establishment auf die Füße treten, für die Rechte der Frauen bei der Abtreibung kämpfen, ihrer Stellung in der Ehe, im Arbeitsleben neue Räume zu erschließen: Immer war die Sozialdemokratin an vorderster Front dabei. Mit Kompromissen, die Frauen eine 20-Prozent-Quote in parteiinternen Funktionen zugestehen wollten, mochte sie sich nicht abgeben.

So drückte sie mit der ASF, deren Vorsitzende sie 1981 wurde, in der Partei durch, dass quotiert jeweils 40 Prozent der Mandate und Funktionen von Frauen oder Männern besetzt werden müssten. Der SPD-Bundesparteitag 1988 in Münster schrieb das fest. Ein Erfolg, der nicht allen in der Partei gefiel, der aber über die SPD und die Politik hinaus in alle gesellschaftlichen Bereiche strahlte.

Der Weg dorthin war nicht leicht, war mit Verunglimpfungen verbunden und wurde von vielen Männern der Partei als übertriebenes Anspruchsdenken der Frauen ironisiert. Der Kampf verlangte ihr ab, sich einen Panzer zuzulegen, der von anderen nicht selten als Härte empfunden wurde.

Auseinandersetzungen ging die äußerlich zarte Norddeutsche nie aus dem Weg. Eine wurde für ihre spätere Karriere in der Partei entscheidend. Nach Querelen mit dem niedersächsischen SPD-Vorsitzenden und späteren Ministerpräsidenten Gerhard Schröder entschied sie sich 1990, auf eine weitere Kandidatur für den Landtag zu verzichten und stattdessen – erfolgreich – ein Bundestagsmandat anzustreben.

Im höchsten deutschen Parlament war es zunächst ein altes, ihr seit zwei Jahrzehnten am Herzen liegendes Thema, mit dem sie sich Respekt verschaffte: Die nach der Wiedervereinigung dringend notwendig gewordene Reform des Paragraphen 218.

Der nächsten Herausforderung stellte sie sich, als Hans-Ulrich Klose 1991 das Amt des Schatzmeisters aufgab, weil er als Nachfolger von Hans-Jochen Vogel zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde. Ironie der Geschichte: 1987 war ihr Mann Klaus Wettig bei der Bewerbung um dieses Amt an Klose gescheitert.

Die erste Schatzmeisterin der SPD. Die Größe und Verantwortung dieser Aufgabe wurde ihr erst voll bewusst, als sie schwierige und herausfordernde Themen angehen musste: Aufbau einer Geschäftsstellenstruktur in den neuen Bundesländern, Kampf um Rückgabe der Partei-Immobilien und vor allem – als Hausherrin – Bau der neuen SPD-Zentrale in Berlin. Das Willy-Brandt-Haus als krönende Herausforderung.

Inge Wettig-Danielmeier blieb stets eine Kämpferin. Einblicke in ihr Privatleben gewährte die in Göttingern verwurzelte Sozialdemokratin kaum. Verheiratet mit dem ehemaligen Europa-Abgeordneten Klaus Wettig, Mutter von drei Töchtern, war sie eine kenntnisreiche Kunstliebhaberin. In ihren Urlaubszeiten teilte sie die Liebe zu einem der schönsten Südtiroler Hochplateaus mit den Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Auf dem „Ritten“, oberhalb von Bozen gelegen, fühlte sie sich in einem stilvollen Hotel mit phantastischem Blick auf die Dolomitengipfel des Rosengartens zuhause.

2007 zog sie sich aus der aktiven Politik zurück, blieb aber für die SPD bis weit über ihr 80. Lebensjahr engagiert. Inge Wettig-Danielmeier, die „Ikone der Gleichstellungspolitik“, starb nach längerer Krankheit am 20. Mai 2026 mit 89 Jahren.