Eine wunderbare Briefmarke mit klarem Göttingen-Bezug kommt am 5. Februar 2026 in den Verkauf. Der gebürtige Göttinger Hans-Jochen Vogel wird mit diesem gelungenen Sonderpostwertzeichen geehrt, weil er heuer 100 Jahre alt geworden wäre. Unvergessen seine 12 Jahre (1960-1972) als Oberbürgermeister Münchens, der die Landeshauptstadt zu dem machte, die sie heute von ihrer besten Seite zeigt: zuversichtlich, liebenswert und aufgeschlossen. Später stellte er sich im Dienst für seine SPD schwierigen Aufgaben, wie der des Regierenden in Berlin und des Kanzlerkandidaten. 1987 folgte Vogel dem legendären Willy Brandt in das Amt des Parteivorsitzenden. Mitglied der SPD wurde Vogel 1950 am Ende seines Jura-Studiums in Marburg. Mit der Marke könnt Ihr große Briefe bis 500 Gramm verschicken.
Hans-Jochen Vogel ist in der Göttinger Sozialdemokratie sehr bekannt. Mehrfach trat er in seiner Geburtsstadt bei Parteijubiläen auf und erinnerte an seine Jugendzeit. So ging Vogel nach der Bonifatiusschule zum Max-Planck-Gymnasium und erlebte das Erstarken der Nationalsozialisten in der beamtisch geprägten Universitätsstadt. Die Familie, zu der auch sein jüngerer Bruder und spätere Ministerpräsident Bernhard gehörte, zog allerdings schon 1935 nach Gießen.
In einem Beitrag zum 80. Geburtstag Hans-Jochen Vogels erinnerten Klaus Wettig und Inge Wettig-Danielmeier an die ersten neun Lebensjahre des berühmten Sozialdemokraten in Göttingen.
„Extra Gottingam non est vita“ sagen die Göttinger gern über ihre Stadt.
Eine übertriebene Einschätzung, denn außerhalb Göttingens lässt sich ebenfalls trefflich leben. Doch irgendwie hat die Stadt eine besondere Aura, zu der nun einmal gehört, dass Hans-Jochen Vogel dort am 3. Februar 1926 das Licht der Welt erblickte, – in der Vogt’schen Privatklinik, Theaterstraße 16, was die erfreuten Eltern per Anzeige im Göttinger Tageblatt kundtaten. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er mit seinen Eltern in der Herzberger Landstraße 8, einem Haus mit schönem Garten und alten Bäumen. Ob sein Kinderwagen häufig in diesem Garten stand oder die Mutter den Besuch der nahe gelegenen, parkartigen Schillerwiese vorzog, wissen wir nicht. Jedenfalls war es ein schöner Platz zum Aufwachsen im Göttinger Ostviertel: wenig Verkehr, große Gärten und der bewaldete Hainberg vor der Haustür, nur knapp 10 Minuten Fußweg bis zur Innenstadt. Der in der Universität, in der Landwirtschaftlichen Fakultät, seine Hochschullehrerlaufbahn vorbereitende Vater, hatte es nur wenig weiter. Sollte er ein Schnellgeher gewesen sein, wird er eine Viertelstunde gebraucht haben, um sein Tierzuchtinstitut zu erreichen. Aus der Herzberger Landstraße, damals häufig noch Chaussee genannt, durch Bühlstraße und Wöhlerstraße führte sein Weg in der Wilhelm-Weber-Straße vorbei am Alten Botanischen Garten (1736 angelegt) in den Nikolausberger Weg, wo abseits der Straßenfront die Gebäude der Landwirte lagen, an die sich Weiden für die Versuchstiere anschlossen. Heute ist das einst idyllische Gelände überbaut. Auf der Arbeitsstätte des Vaters steht die neue Universitätsbibliothek (Ministerpräsident Gerhard Schröder weihte sie ein.) und die Viehweiden wurden zum Baugrund für Theologicum, Juridicum, Oeconomicum, Mensa und ZHG. Wo sich einst Kühe und Schafe tummelten, versammeln sich in den Semestern jeden Tag 10 – 15.000 Studentinnen und Studenten. Sollte Hans-Jochen den Vater im Institut besucht haben, könnte dieser mit ihm den nicht weit entfernten Bartholomäus-Friedhof aufgesucht haben, auf dem die Grabstätte Gottfried August Bürgers direkt an der Straßenseite liegt.
Die Spuren Göttinger Dichter werden ihm an vielen Stellen begegnet sein. Sobald man lesen kann, entziffert man die Ehrentafeln an Göttinger Bürgerhäusern, denn der Stolz der Stadt auf ihre berühmten Musensöhne – heute auch -töchter – hat die Sitte der Ehrentafel hervor gebracht, die an die Göttinger Studienzeit der Geehrten erinnert. In Göttingen geboren ist keiner der Geehrten, aber studiert haben sie dort: Bürger, Hölty, Voß, Tieck, von Arnim, die Schlegel-Brüder, die Brüder Grimm, Heine usw. und manchmal finden sich Erinnerungen an Göttingen in ihren Werken. Heinrich Heine schreibt in der Harzreise ironisch über Göttingen: „Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität … Im Allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh… Der Viehstand ist der bedeutendste…,“ doch bei ihm finden wir auch die Zeile „Auf den Wällen Salamancas…“ Die Wallanlagen Göttingens, die auf den nach dem Siebenjährigen Krieg geschliffenen Festungswällen entstanden, wird Hans-Jochen noch schöner als Heinrich Heine vorgefunden haben. Die im 19. Jahrhundert kleinen Bäume waren bis 1930 zu starken Bäumen – überwiegend Linden – heran gewachsen und aus dem Festungsgraben waren Parks mit Teichen entstanden. Einer lag direkt vor der zweiten Wohnung der Vogels, dem Rathkamp’schen Haus am Groner Tor, wo die Reichsstraße 3 die Stadt verließ. Heute finden wir dort eine große Kreuzung aus B3 und B27, und unter der Umgehungsstraße liegt der frühere Park. Nur der Hirtenbrunnen blieb, wegen der Straßenführung versetzt, erhalten. Zu Hans-Jochens Kinderzeiten spendete er trinkbares Wasser. Er erinnert daran, dass sich vor dem Stadttor das Vieh um einen Hirten sammelte. Der Viehtrieb aus der Stadt endete schon im 19. Jahrhundert, nur Reste von Viehhaltung gab es bis zum Kriegsende 1945 in der Stadt.
Wozu der Spielplatz Wälle Hans-Jochen verlockt hat, können wir nur vermuten: Doch dürften ihm dabei stets Ermahnungen begleitet haben. Auf einem Abenteuerspielplatz kann ein Vogel aus dem Nest fallen, aber auch von einer Stadtmauer. Im Winter bieten sich jedoch die Wallaufgänge bis heute als ungefährliche Rodelbahn an.
Es ist wahrscheinlich, dass der Schulweg Hans-Jochen Vogels zur Katholischen Volksschule – der Bonifatiusschule, jedenfalls bei gutem Wetter, begleitet von Mutter oder Vater über die Wälle geführt hat. Jedenfalls ist dieses der kürzeste Weg zum Schildweg, wo sich damals und heute die Bonifatiusschule befindet.
Direkt neben der Vogelschen Wohnung beginnt Gartenstraßen-Wall – zu Hans-Jochens Göttinger Zeiten wird die gesamte Wallanlage Hindenburgwall getauft, was der örtliche Sprachgebrauch nicht akzeptierte, ihn unterbricht die Angerstraße, danach folgt der Bismarckwall. Ein idyllisches Wallstück mit Blick auf eine Wassermühle (Odilienmühle) und das Bismarckhäuschen, ein früherer Festungsturm, das einst der Student Otto von Bismarck bewohnen musste, weil ihn die Universitätsgerichtsbarkeit nach einem Duell aus der Stadt verbannte. Schließlich ist die Nikolaistraße zu überqueren. Das Eckhaus am Bismarckwall ist heute das SPD-Parteihaus. Hans-Jochen Vogel könnte dort die Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul gesehen haben, die damals ein Studentinnenheim und einen Kindergarten unterhielten. Nach der Nikolaistraße war der Wall schon damals abgetragen, was diesem kleinen Park den Namen Abgetragener Wall gab. Auffällig war dieser Wegteil durch Denkmäler: Ein aufrecht stehender Friedrich Wöhler neben dessen rechtem Fuß ein großer Klumpen liegt. Was Kinder stets zu der Frage bringt: „Was hat denn der Onkel da?“ Der Klumpen bildet das Aluminium ab, das Wöhler einst entdeckte und mit dem Namen Bauxit versah. 50 Meter weiter gibt es das Gauß-Weber-Denkmal zu betrachten. Sitzend Gauß und stehend Weber, woraus der Volksmund schon zu Hans-Jochens Zeiten die Forderung Webers an Gauß gemacht hatte: „Nun lass mich doch auch mal sitzen.“ Wenige Meter weiter befand sich rechts das 82er Denkmal, inzwischen versetzt in den Rosengarten.
Am Ende des Parks verlief der Schulweg durch das damals noch erhaltene Geismartor, erst ein US-Panzer zerstörte es bei Kriegsende, danach verläuft er ein kurzes Stück außerhalb der Wallanlagen mit Blick auf den damaligen Exerzierplatz des Regiments 82. Heute auch durch Straßen überbaut.
Selbstverständlich hätte Hans-Jochen auch mit dem Fahrrad fahren können, nur nicht mit dem Bus, denn eine Buslinie fehlte für diesen Schulweg.
Als Hans-Jochen nach vierjähriger Volksschule, so hieß diese Schulform damals, auf das Städtische Gymnasium wechselt, ändert sich auch der Schulweg, zwar lässt sich mit viel Zeit auch über die Wälle zur neuen Schule trödeln, aber der Weg durch die Innenstadt ist kürzer und deshalb nahe liegender. Zunächst durch die Groner Straße und dann in die Weender Straße, die seit 1933 jedoch Straße der SA heißt. Ab Marktplatz gab es drei Möglichkeiten des Schulwegs: Rote Straße/Wendenstraße; Barfüßerstraße/Friedrichstraße; Theaterstraße. Hans-Jochen dürfte die Theaterstraße gewählt haben, die einst als Zuweg zum Gymnasium den Namen Schulstraße führte. Die interessanteren Schaufenster waren dort zu betrachten und, falls man etwas für den Unterricht vergessen hatte, half in letzter Minute der Einkauf im Papierwarengeschäft Fritsche. Auch der Theaterstraße war 1933 ein neuer Name von den Nazis aufgezwungen worden: Sie sollte für 12 Jahre Franz-Seldte-Straße heißen, nach einem mit den Nazis verbundenen Stahlhelm-Führer.
Dass Hans-Jochen den politischen Wandel, der sich ab 1930 beispielhaft auch in Göttingen vollzog, mit jedem Jahr seines Älterwerdens aufgenommen hat, dürfen wir als sicher annehmen. Die NSDAP hatte schon 1930 in Göttingen einen überwältigenden Wahlerfolg erzielt und von Jahr zu Jahr wuchs ihre Präsenz in der Stadt. Am 5. März 1933 zeigten dann viele Hauseigentümer/Geschäftsinhaber offen ihre politische Einstellung, indem sie die Hakenkreuzfahne aushängen. Auf seinem Weg zur Schule wird er viele dieser Bekenntnisse gesehen haben. Und am 28. März, einige Tage vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, schlug die SA schon in Göttingen zu. Schaufensterscheiben gehen zu Bruch, Läden werden mit antisemitischen Aufrufen beschmiert, Ladenbesitzer und mutmaßliche Käufer bedroht. Sehr bald darauf heißen die Straßen seines späteren Schulwegs Straße der SA und Franz-Seldte-Straße und das in Aussicht genommene städtische Gymnasium (heute: Max-Planck-Gymnasium) liegt nun am Adolf-Hitler-Platz. Ob er registriert hat, dass der Rektor seiner katholischen Volksschule plötzlich wegen „unnationaler Einstellung“ amtsenthoben wird, aus der Schule verschwindet. Möglich ist, dass er noch die Unruhe gespürt hat, die das Gymnasium einige Zeit erfüllte, nachdem die Nazis den hochangesehenen Schulleiter Dr. Eduard Lisco 1934 wegen nichtarischer Abstammung abgelöst hatten.
Ob er 1935 am Flaggenappell der Göttinger Schulen teilgenommen hat, lässt sich nur vermuten. Jedenfalls wird darüber berichtet, dass diese NS-Zeremonie wegen des erheblichen Durcheinanders bei der Unterrichtsorganisation 1936 nicht wiederholt wurde. 1936 erhält der Vater einen Ruf an die Universität Gießen und die Familie Vogel verlässt Göttingen.
Die untergehenden Republik und die beginnenden Schrecken der Nazi-Zeit berührten das Leben der Menschen, aber sie zerstörten nicht das normale Leben: das Leben in der Familie, den Kontakt zu Spiel- und Schulkameraden, gemeinsame Spiele, Ausflüge usw. Dass im Sommer das nagelneue Freibad am Brauweg – nur 20 Minuten von der Vogel’schen Wohnung entfernt, das die Flussbadeanstalten in der Leine ersetzte, aufgesucht wurde, gilt als wahrscheinlich, auch das winterliche Rodeln im Hainberg, auf der Bahn am Eulenturm oder in Langen Nacht. Von den sonntäglichen Familienausflügen hat er selbst gesprochen, zu Mutter Vollbrecht in Nikolausberg, dem Kaffee-und-Kuchen-Lokal, mit dem legendären herbstlichen Zwetschgenkuchen, leider geschlossen und abgerissen. Ob auch der Rohns, Springmühle, Stegemühle, Hoffmannshof, Kehr und Kaiser-Wilhelm-Park besucht wurden, wird uns Hans-Jochen nur selbst berichten können. Möglicherweise ist er auch einmal mit der Gartetalbahn gefahren („Blümchenpflücken während der Fahrt verboten“) und hat mit den Eltern dann im Eichenkrug oder im Waterloo gesessen; ein überlebender hannoverscher Soldat war für seine Dienste mit einer Schanklizenz belohnt worden.
Vieles davon ist verschwunden, hat den Zweiten Weltkrieg, den folgenden gesellschaftlichen Wandel nicht überlebt. Doch bei der Spurensuche gibt es einiges wieder zu entdecken, wozu Göttingen den geborenen Göttinger gern begrüßt.
Erstveröffentlichung gemeinsam mit Inge Wettig-Danielmeier in : 80 Glückwünsche zum Achtzigsten. Für Hans-Jochen Vogel, Berlin 2006, vorwärts buch.
